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Adolf
Kurtz, gemalt von Alfred Kothe |
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Zum Gedenken an Adolf Kurtz (1891 – 1975)
Teil 1
Mutiges Bekennen und Widerstehen
in schwerer Zeit
Vor 130 Jahren, am 11. Juni 1874, wurde die Zwölf-Apostel-Kirche
eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben. Die Kirchengemeinde Zwölf
Apostel ist älter: Sie wurde 1863 errichtet.
Anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Gemeinde erschien
1988 die von Pfarrer Peter Klemm herausgegebene Festschrift "Wahrnehmungen",
die vornehmlich dem Geschehen an Zwölf Apostel in der Zeit des Nationalsozialismus
nachgeht. "Wahrnehmungen" können zu hoffentlich aufschlussreichen "Annäherungen" führen,
aus denen Konsequenzen erwachsen.
Die Erforschung des Kirchenkampfes ist in den letzten Jahren so weit
fortgeschritten, dass sie selbst Gegenstand der Forschung geworden ist.
Es ist in diesem Rahmen unmöglich, die Geschichte des Kirchenkampfes
bis 1945 genauer zu verfolgen. Dies soll jedoch im Rahmen unserer Festwoche
im Juni geschehen, um einer breiteren Öffentlichkeit solche "Annäherungen" zu
ermöglichen, insbesondere an Pfarrer Adolf Kurtz (16.8.1891 – 25.9.1975):
Geboren wurde er in der Oranienburger Vorstadt; Stationen auf seinem Weg
waren das Friedrichsgymnasium, die Berliner Universität und die Hilfspredigerzeit,
bevor er 1922 nach Zwölf Apostel berufen wurde und hier bis 1948 Pfarrer
war.
Bekennende Kirche
Schon vor 1933 ist Adolf Kurtz durch seine sozialen Bemühungen
hervorgetreten. Im Berlin der Inflationszeit begründete er Notküchen.
Von 1933 an aktiv in der Bekennenden Kirche, war er Verhaftungen und Hausdurchsuchungen
ausgesetzt. Er wurde Leiter der "Aktion und Organisation der Berliner
Bekennenden Kirche". Kurtz hatte eine Hilfsstelle für sogenannte "Nichtarier" im
Pfarrhaus eingerichtet (Vorläufer "Büro Grüber")
und war maßgeblich an der Errichtung einer Schule für "nichtarische" Kinder
beteiligt (Oranienburger Straße). Von 1935 an hielt er ständig
Kontakt mit Widerstandsgruppen und mit ausländischen kirchlichen Persönlichkeiten
aus der Ökumene. Während der Olympiade 1936 organisierte er Bekenntnisversammlungen
mit Rednern aus dem Ausland.
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| Landesarchiv
Berlin |
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| Landesarchiv
Berlin |
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| Diese
Aufnahmen vor der Zwölf-Apostel-Kirche entstanden anlässlich
der Trauerfeier und Beisetzung des SA-Führers Peter Voss am 6.
April 1934. Von Pfarrer Adolf Kurtz ist bezeugt, dass er sich auch
von Gestapo und SS nicht beirren ließ, in lauter, offener Fürbitte
für die verfolgten Brüder und Schwestern der Bekennenden
Kirche einzutreten. Noch in der Karwoche 1942 teilte er beispielsweise
das Abendmahl an Christen ohne und mit Judenstern aus. |
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Er war auch an der Denkschrift der Vorläufigen Kirchenleitung der Bekennenden
Kirche beteiligt, mit der bei Hitler gegen Rechtsbrüche, Misshandlungen
in den Konzentrationslagern und die Judenverfolgung protestiert wurde. Als
Heinrich Grüber und andere ins Konzentrationslager eingeliefert wurden,
setzte Kurtz die Arbeit des "Büros Grüber" fort und hat
vielen Menschen durch die ermöglichte Auswanderung das Leben gerettet.
Darüber hinaus galt seine Tatkraft der Pflege der ökumenischen
Beziehungen der Bekennenden Kirche.
Im Dienst der Versöhnung
Nach dem Krieg vertiefte Kurtz seine Verbindung zur englischen
Kirche. Bereits 1939 hatte er bei einem Englandbesuch für die vielen deutschen
Flüchtlinge in Oxford eine evangelische Gemeinde ins Leben gerufen. Eine
Einladung der englischen Militärregierung 1947, die deutschen Kriegsgefangenen
in England zu besuchen, bewirkte 1948 seine Übersiedlung nach Oxford als
Pfarrer der deutschen Gemeinde, von der aus Tochtergemeinden gegründet
wurden, eine davon in Coventry. So war Kurtz an dem Versöhnungswerk von
Coventry seit 1950 bis zu seiner Emeritierung 1962 beteiligt.
Adolf Kurtz blieb in England und starb im 85. Lebensjahr am 25. September
1975 in Wembley Park, seinem Alterssitz seit 1962. Begraben ist er auf dem
Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof in der Kolonnenstraße.
Ein Berliner Pfarrer, zum Domherrn des Stiftes Brandenburg/Havel ernannt,
in der Zeit des Nationalsozialismus mit schweren und oft genug lebensgefährlichen
Entscheidungen, ein Leben im Dienst der Verfolgten und Entrechteten und schließlich
im Dienst der Völkerversöhnung – dafür steht der Name
Adolf Kurtz, den unsere Kirche nicht vergessen sollte.
Adolf Kurtz war verheiratet mit Eva, geb. Borchardt, Tochter des Professors
Dr. Moritz Borchardt, eines Chirurgen jüdischen Glaubens. Kundige wissen,
was das in der NS-Zeit bedeutete. Mit 93 Jahren ist sie im Juni 2001 gestorben.
Ihre Urne haben wir an der Seite ihres Mannes bestattet.
Kirche und Nationalsozialismus
Gedenkveranstaltungen haben ihren Sinn darin, dass
Menschen sich an etwas erinnern lassen. Erinnern bedeutet im Wortsinn, etwas
Vergangenes in sich hinein nehmen, von außen nach innen holen.
In uns entsteht Erkenntnis, wenn wir das Erinnerte hin- und herwenden, in
uns bewegen und bearbeiten. Diese Erinnerungsarbeit gehört zum Menschsein,
so unangenehm, so beschämend es für den Einzelnen und jede Gemeinschaft
zunächst auch sein mag. Unangenehm ist es, wenn die Erinnerung eine Korrektur
festgefügter und liebgewordener Vorstellungen nötig macht.
Das Wissen über die Rolle der Kirche während der Zeit des Nationalsozialismus
ist bei vielen Menschen, auch bei sehr aktiven Gemeindegliedern, außerordentlich
gering. Mehr als der Ausdruck "Bekennende Kirche" ist oft nicht bekannt.
Nicht selten verbindet sich dies mit einer diffusen Vorstellung, dass "die
evangelische Kirche" im Widerstand zum Hitler-Regime stand – gar
mit "den Männern des 20. Juli" der Widerstand gegen Hitler war.
Vor diesem Hintergrund wird dann das Erstaunen, ja Erschrecken darüber
desto größer, wie sich die evangelische Kirche in ihren vielen Facetten
1933 und in den Folgejahren wirklich verhalten hat und wie begrenzt selbst
das Widerstehen der radikalen Teile der Bekennenden Kirche war bzw. sein musste.
Beschämend ist die Entdeckung, dass – beispielsweise – kirchlicher
Widerstand gegen Hitlers grausame Diktatur die Sache nur sehr weniger Christen
gewesen ist. Das genaue Gedenken hat aber nicht nur Unangenehmes oder Beschämendes.
Es hat auch eine große Hoffnung in sich. Erinnerung hat erlösende
Kraft. Sie vermag vom Wege des Todes auf den Weg des Lebens zu helfen.
Das Vergessen und Verdrängen tötet die Opfer noch einmal. Das Erinnern
setzt Kräfte frei, Irrwege zu begreifen und Schuld zu erkennen, die ohne
solche Erkenntnis als unerkannte Schuld ihr heimliches Unwesen treibt und Böses
zwanghaft immer wiederholt. Nur erkannte Schuld kann bekannt – und vergeben – werden.
Genaues Erinnern an Versagen und Unglauben der Kirche auf dem Weg ins Hitlerreich
und während jener Zeit ist nötig und notwendig, zugleich aber auch
dankbare Erinnerung an die treuen Zeugen der Barmherzigkeit Jesu Christi während
des Dritten Reiches – dafür steht Adolf Kurtz.
Bleibende Verpflichtung
Diese Erinnerung gilt nicht nur für jeden Einzelnen,
nicht für jede einzelne Generation in Kirche und Gesellschaft. In der
Kraft der Erinnerung werden die Generationen zusammengebracht zu der einen
Kirche mit ihrem Ungehorsam und ihrer Glaubenstreue. Die Erinnerung macht es
möglich, die Schuld einer vergangenen Generation zu erkennen, aber auch
die Treue einer vergangenen Generation, um selbst treuer zu werden. Die damalige
kirchliche Situation ist heute eine unbekannte, fremde Welt ebenso wie Verlauf
und Begrenzung des Kirchenkampfes – ein Geschichtsbewusstsein ist kaum
vorhanden.
Andererseits ermöglicht das Nachvollziehen der Erfahrungen von Christen
in der NS-Zeit heute einen Lernprozess wie an anderen Fragen selten möglich,
da wenige sich der Betroffenheit über die Vorgänge im Dritten Reich
entziehen und die Frage nach der politischen Verantwortung von Kirche unausweichlich
und die Frage brennend wird: Wie können wir verhindern, dass wir wieder
in diesen Ausmaß schuldig werden? Wie können wir verhindern, dass
unsere Kinder und Enkel uns ebenso erschrocken fragen: Wie konnte das von Christen
zugelassen werden? Sind wir heute in den Gemeinden vor der Vergötzung
anderer Mächte oder Herren gefeit? Was heißt heute Bekennen und
Verleugnen?
Wir haben die Lektion der Bekennenden Kirche noch nicht gelernt. Es ist noch
keineswegs erledigte Aufgabe, die Lehren aus dem Nationalsozialismus, dem Kirchenkampf
und nicht zuletzt der Begrenzung des Kampfes der Bekennenden Kirche zu ziehen – im
Blick auf die heutigen Herausforderungen, vor denen die Menschen und darin
die Christenheit stehen.
Heinz-Hermann Wittrowsky, in "Zwölf Apostel" Nr.
9
Teil 2: Neubeginn und
Versöhnung zwischen den Völkern » |