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Adolf Kurtz mit Motorrradhaube im Jahr 1937 |
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Zum Gedenken an Adolf Kurtz (1891 – 1975)
Teil 2
Neubeginn und Versöhnung zwischen den Völkern
Unmittelbar nach Kriegsende 1945 begann die Wiederherstellung der stark
beschädigten Zwölf-Apostel-Kirche und des Pfarrhauses. Beide
hatten bei Bombenangriffen schwer gelitten und waren durch den Einsatz
der Familie des Kirchdieners Jaeck und der Pfarrfamilie Kurtz gerettet
worden. Das Pfarrhaus hatte dreimal lichterloh gebrannt. Kirchturm, Kirchdach
und Sakristei waren noch unter direkten Beschuss geraten, Türen
und Fenster zerstört, Heizung und Orgel außer Funktion.
Bottles, Barth und Bach
Zunächst wurde ein Kirchennotdach und ein Schutzdach für
das Pfarrhaus errichtet. In die Fensteröffnungen mauerte man leere
Gin-Flaschen, die von in der Gemeinde wohnenden Angehörigen der
Spirituosenfabrik Gilka gespendet wurden. Diese "Flaschenfenster" sind
zum Teil noch erhalten. Durch Berichte englischer und amerikanischer
Korrespondenten wurden diese in der ganzen angelsächsischen Welt
bekannt. Die Londoner "Picture Post" berichtete von den "Gin-bottle-windows" und
dem "Gin-bottle-Pastor".
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Karl
Barth im Dezember 1963 |
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1947 stellte Adolf Kurtz den Berliner Philharmonikern die Zwölf-Apostel-Kirche
für Schallplatten-Aufnahmen der Londoner Electrola-Gesellschaft
("His master’s voice" ) zur Verfügung. Dirigenten
waren Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache und John Bitter, New
York.
Am 18. Juli 1946 hielt Karl Barth in der Zwölf-Apostel-Kirche den
Vortrag "Christengemeinde und Bürgergemeinde". Der erste
große Gottesdienst, den Martin Niemöller nach seiner Befreiung
aus dem KZ in Berlin feierte, fand in Zwölf Apostel statt. Die Zwölf-Apostel-Kirche
stellte Bischof Dibelius am 17. November 1946 in einem feierlichen Gottesdienst
wieder in Dienst. Hier führte am Karfreitag 1948 Professor Schumann,
Leiter der Berliner Singakademie, zum ersten Mal nach Kriegsende wieder
die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach auf.
Ökumenisches Zentrum Zwölf Apostel
Schon vor dem Krieg war die Zwölf-Apostel-Gemeinde ein ökumenisches
Zentrum geworden. Adolf Kurtz hatte enge Kontakte zu den Pfarrern der
schwedischen, dänischen und amerikanischen Gemeinden in Berlin.
Während des Krieges war Kurtz die schwierige Aufgabe zugefallen,
die Kontakte zur Ökumene aufrecht zu erhalten. Er tat dies über
Freunde in der amerikanischen und schwedischen Botschaft. So riss die
Verbindung nie ab, und nach Ende des Krieges kamen sie nach Zwölf
Apostel: aus England die Bischöfe von Chichester und Sheffield,
der Generalsekretär der Methodisten, Laura Livingstone für
Wohlfahrtsorganisationen, Mary Booth für die Heilsarmee, der Dekan
des St. John’s College in Oxford, aus Frankreich der Präsident
des französischen Kirchenbundes, Marc Boegner, aus Dänemark
der Bischof von Kopenhagen, aus Schweden Erzbischof Eidem, Upsala, und
Pfarrer Birger Forel. Die russisch-orthodoxe Gemeinde feierte zweimal
Ostern in Zwölf Apostel, die schwedische Gemeinde wurde hier für
drei Jahre bis zur Errichtung ihrer eigenen Notkirche beherbergt, ebenso
die ungarisch-reformierte Flüchtlingsgemeinde.
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Weggefährte
Martin Niemöller (1892–1984) |
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Ruf nach England
Auch aus Enttäuschung darüber, das Bischof Dibelius beim Wiederaufbau
der Kirche in Berlin-Brandenburg einen restaurativen Kurs steuerte, ging
Kurtz Ende des Jahres 1948 als Pfarrer der deutschen Gemeinde nach Oxford.
Er war an dem Versöhnungswerk von Coventry seit 1950 maßgeblich
beteiligt.
Bereits 1947 wurde Kurtz von der Britischen Militärregierung in
Berlin eingeladen, die deutschen Kriegsgefangenenlager in Großbritannien
zu besuchen. Während dieser
Besuchsreise stieß er auch bei seinen englischen Freunden immer wieder
auf den neuralgischen Punkt "Coventry". Die Zerstörung Coventrys
hatte im britischen Bewusstsein eine fast unheilbare Wunde hinterlassen, auch
wegen der zynischen und brutalen Bemerkung Hitlers in einer großen Rundfunkrede,
er werde nun alle englischen Städte "coventrieren". Damals schon
war Kurtz entschlossen, etwas zur Heilung dieser Wunde zu tun.
Seelsorge und Zeichen der Versöhnung
Im Herbst 1948 übernahm Kurtz die im Jahre 1939 auf seine Initiative
von seinem Berliner Amtsbruder Pastor Kramm gegründete Flüchtlingsgemeinde
in Oxford. Kurtz war bereits 1939 in England, um sich um die vielen Emigranten
zu bemühen; auf seinen Rat entstand dann in Oxford die deutsche
Gemeinde, die in der Universitätskirche St. Mary the Virgin auch
während des Krieges ihre Gottesdienste in deutscher Sprache halten
konnte.
Im Frühjahr 1949 erhielt Kurtz eine Einladung des Provost (Propst)
von Coventry, in der Unity Chapel der zerstörten Kathedrale einen
Gottesdienst zu halten. Provost Howard und Domherr Kurtz beteten zunächst
vor dem im Hochaltarraum aus zwei von Feuer angefressenen Balken errichteten
Kreuz. Am 14. November 1950 nahm Domherr Kurtz an dem Gedächtnisgottesdienst
zum 10. Jahrestag der Zerstörung Coventrys in der Ruine der Kathedrale
teil. Er überbrachte "die Grüße aller Kinder Gottes
des europäischen Kontinents, besonders aus Deutschland und Berlin".
Anlässlich eines Besuchs in Bonn im Mai 1951 besprach Kurtz mit
alten Freunden aus dem Kirchenkampf, insbesondere mit Hermann Ehlers – während
des Kirchenkampfs juristischer Berater der Berliner Kirchenleitung und
von 1950 bis 1954 Präsident des Deutschen Bundestages – die
Angelegenheit "Coventry". Mit ihm und Bundespräsident
Theodor Heuss, mit dem Kurtz seit der Zeit des Kirchenkampfes ebenfalls
eng verbunden war, wurde verabredet, dem Domkapitel von Coventry ein
Fenster für die Unity Chapel der neuen Kathedrale zu stiften. Kurtz überbrachte
unmittelbar nach seiner Rückkehr Provost Howard das Fensterangebot,
aber erst am Jahresende wurde es der Weltöffentlichkeit mitgeteilt.
Das internationale Echo, besonders in den angelsächsischen Ländern,
war überraschend groß und freundlich.
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| Landeskirchliches
Archiv EKBO |
Adolf
Kurtz war seit dem Kirchenkampf dem späteren Bundespräsidenten
Theodor Heuss (Mitte) freunschaftlich verbunden |
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Am 31. Januar 1954 fand ein Fest- und Fürbittgottesdienst zum 70.
Geburtstag des deutschen Bundespräsidenten in der Kathedrale statt.
Kurtz hielt die Festpredigt. An der feierlichen Grundsteinlegung für
die neue Kathedrale am 23. März 1955, vollzogen von Königin
Elisabeth II., nahmen Kurtz und Vertreter der Spender aus Deutschland
teil.
Theodor Heuss überreichte anlässlich seines Staatsbesuchs
in England dem Provost von Coventry am 21. Oktober 1958 die Spende für
die Fenster der neuen Kathedrale. Am 31. Januar 1959 fand unter dem Leitwort "Einheit
in Christus" zur Feier des 75. Geburtstags des Bundespräsidenten
ein zweisprachiger Festgottesdienst in der Chapel of the Cross in der
neuen Kathedrale statt. Die Predigten hielten der Propst und Domherr
Kurtz.
Ehrung
Als der deutsche Botschafter in London, von Herwarth, Adolf Kurtz 1960
im Auftrag des Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse überreichte,
geschah dies für die Verdienste im Kirchenkampf, für die "Nichtarierhilfe",
für die Aufbauarbeit in England und für das Versöhnungswerk
in Coventry. "Sie haben nicht nur geredet, Sie haben auch etwas
getan", begann der Botschafter seine Ansprache. "Ihnen ist
es zu danken, dass das Versöhnungswerk zwischen der englischen und
der deutschen Nation Wirklichkeit wurde" – ein historisches
Wort.
Heinz-Hermann Wittrowsky, in "Zwölf
Apostel" Nr. 10
« Teil 1:
Mutiges Bekennen und Widerstehen in schwerer Zeit
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Das Gemeindehaus der Evangelischen
Zwölf-Apostel-
Kirchengemeinde trägt seit dem 13. Juni 2004 den Namen Adolf-Kurtz-Haus.
Die feierliche Namensgebung fand im Rahmen der
Festwoche zum 130-jährigen Kirchweihjubiläum im Anschluss
an den Festgottesdienst statt.
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