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Rundgang über unsere historischen Kirchhöfe
Rudolf Virchow
Alter Sankt-Matthäus-Kirchhof, Sektion H-s-12
"Woher kommt diese Schwerfälligkeit in der
geistigen Entwicklung bei uns, sobald es sich um große öffentliche
Fragen handelt?" (Rudolf Virchow)
Sich Rudolf Virchow (1821–1902) zu nähern, ist eine
Sysiphosarbeit. Wir haben es hier mit einem Wissenschaftler zu
tun, der einer der wichtigsten und größten Mediziner
des 19. Jahrhunderts war, aber auch als Sozialhygieniker und politisch
denkender Mensch in unserer Erinnerung geblieben ist. Einige Jahre
nach den Befreiungskriegen als der einzige Sohn des Stadtkämmerers
von Schivelbein (Hinterpommern) geboren, wurde er nach dem Abitur
in Köslin Student der Militär-Ärztlichen Akademie,
der "Pepiniere", in Berlin. Nach dem Studium schloss
sich ein praktisches Jahr in der Charité an, das er aber
nicht beenden konnte, weil er eine vakante Arztstelle an der Charité angeboten
bekam. Er begann diese Tätigkeit 1843 an der Augenklinik und
konnte durch das Studium der Entzündungsvorgänge die
ersten Grundlagen für seine spätere Lehre legen.
Virchow
erkannte früh, dass Krankheiten und Epidemien
ihre Ursache in den sozialen Missverhältnissen hatten.
1848 wurde er nach Oberschlesien gesandt, um die Ursachen des Massensterbens
wegen der dort grassierenden Typhus-Epidemie zu erforschen. Virchows
Analyse dieser Epidemie ist zu einer der klassischen Arbeiten der
deutschen Sozialhygiene geworden. Später hat er sich auch
der medizinischen Statistik zur Entwicklung der Prophylaxe verschrieben
und seine Kollegen aufgefordert, die Totenscheine korrekter auszufertigen,
um mehr Aussagekraft in die Statistiken zu bekommen.
"Der Staat, welcher die allgemeine Bildung anstrebt, sollte auch
die allgemeine Gesundheit anstreben: Erst Gesundheit, dann Bildung."
(Rudolf Virchow)
1848 engagierte er sich beim Märzaufstand der Berliner Bürgerschaft
und stand selbst hinter einer Barrikade. Sein politisches Engagement
hat er nie aufgegeben, er wurde 1859 Abgeordneter im Stadtparlament
von Berlin, wo er sich unter anderem für die öffentliche
Hygiene und das Schulwesen einsetzte, dann 1860 zu dem Mitbegründern
der Fortschrittspartei gehörte, 1861 ins Preußische
Abgeordnetenhaus kam und schließlich 1880 auch Abgeordneter
des Reichstags wurde, dem er bis 1893 angehörte.
Seine medizinische Laufbahn wurde nach dem Staatsexamen 1847
zunächst
mit der Stelle eines Prosektors am Leichenhaus der Charité gekrönt.
Seine pathologischen Arbeiten machten ihn schnell bekannt, und
1847 erhielt er bereits eine Dozentur. 1849 berief man ihn als
Ordinarius an die Universität Würzburg. In dieser Zeit
entwickelte er die Zellularpathologie, die nach Friedrich Engels
zu den größten Entdeckungen des 19. Jahrhunderts gehört,
löste sie doch die bislang geltende Naturphilosophie zugunsten
des Materialismus ab.
1874 wurde Rudolf Virchow Mitglied der Akademie der Wissenschaft
in Berlin, leitete ein großes Institut und bildete Studierende
aus. Außerdem gründete er ein pathologisches Museum,
beschäftigte sich mit Anthropologie und begleitete den berühmten
Historiker Heinrich Schliemann bei seinen Ausgrabungen in Troja.
Virchow gehört auch zu den Gründern des Märkischen
Museums in Berlin. Ein bemerkenswerter Mann!
Dieter Grunwald, in "Zwölf Apostel" Nr. 7 |