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Kirchhöfe | Aktuell
 

Vortrag von Hella Leuchert-Altena anlässlich der Ausstellungseröffnung „Weckt mich, wenn ich tot bin“ - Friedrich Schröder-Sonnenstern (1892 -1982) am 13. Mai 07 in der Zwölf-Apostel-Kirchhofsverwaltung.

Werte Damen und Herren,

heute möchten wir in einer bescheidenen Ausstellung Friedrich Schröder-Sonnenstern gedenken.
Am 10. Mai jährte sich sein 25. Todestag und der Zwölf-Apostel-Friedhof hat sich bemüht dies und das zusammen zu tragen. Räumlich und finanziell wurden Grenzen gesetzt, aber vielleicht ist es ein Anfang,
ein Anstoß für erweiternde Aktivitäten.

Die Beerdigung auf diesem Friedhof fand am 26. Mai 1982 statt und es wurde mir berichtet, dass es ein großes Spektakel gewesen sei, begleitet von einer Anzahl Menschen unterschiedlichster Prägungen. Der „große Friedrich“, wie er sich selbst gern nannte, hätte sich zufrieden gezeigt, es entsprach ganz seiner Fasson.

Dieser „große Friedrich“ war ein Berliner Original, Unikum, ein Verrückter im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Schabernack war ihm zu grotesk, keine Mikrobe des Unsinns zu klein, um sie zu ergreifen und es gab keinen Alkohol der nicht vernichtet werden mußte. Er ging mit einer Plastiktüte voll Geld durch die Kneipen, verschenkte es ebenso locker wie er Kindern Schrippen zu warf. Sicher hatte er sich damit einen Grad der Bekanntheit geschaffen, aber wirklich berühmt wurde er als Maler. Dies in späten Jahren und in einer nur
10-jährig anhaltenden Schaffenspause, stieg er zu einem der bekanntesten seiner Art auf.

Obwohl seine Bilder keinen Anspruch auf kulturelle Bewunderung hatten, entsprangen sie immer einer starken Notwendigkeit, die durch Demütigungen, Verletztheit und Liebesentzug geformt wurden, wobei die Hoffnung niemals verloren ging, vielmehr sollten seine gezeichneten Wesen die ganze Welt genesen lassen. Eine Zirkusnummer, die er genial in die Manege trug. Nur der Fühlende kann seine Bilder erfahren.

Nach anfänglichem Spott begann aber bald die Erfolgszeit mit den "schönsten, ekligsten Bildern der Welt". Seine kuriosen Fabelwesen gaben der Symbolwelt ungeahnte Räume. Er grub den Brunnen selbst aus, aus dem er trank, mit großem Schöpfungspotential. Das machte seine Werke wahrhaftig zu einer Kostümierung in höchster Form. Was er schuf war einzigartig, es gab weder Vorläufer noch Parallelen. Gleichwohl hat er die ganze Kunstwelt in Frage gestellt, alle Kategorien der Kunstgeschichte gesprengt, der Berliner Tagesspiegel schrieb in seinem Nachruf: "Mit ihm endet die Berliner Kulturgeschichte nach dem Krieg".

Friedrich Emil Schröder wurde am 11. September 1892 in Kaukehmen nahe der Stadt Tilsist in Litauen, Ostpreußen, geboren. Er erklomm damit die letzte Stufe ein Ur-Berliner zu sein, von denen man sagt, dass sie wenigstens eine Abstammung aus dem Osten haben müßten. Berlin war immer schon der erste Anlaufplatz aus den Ostgebieten. Der Berliner Portiersadel aus dem polnischen Teil, Stallburschen für die Pferde und die ostpreußischen Dienstmädchen waren sehr begehrt. Abenteurer oder Menschen, die der moralischen Enge auf den Dörfern entfliehen wollten, mischten sich dazu, Studenten die ihr Wissen von der durchaus renommierten Königsberger Akademie vervollkommnen wollten.

Da der Osten ein Einwanderungsgebiet war, mischte sich dort in rascher Reihenfolge eine neue Völkergruppe. Jene Menschen wurden Kinder ihres Blutes, ebenso wie der derben Landschaft. Die Fülle der gegensätzlichen Charaktere ergab nicht selten eine komplizierte Dualisierung, die eine Unbedingtheit, eine kompromisslose Härte zur Durchsetzung des persönlichen Lebensstils forderte, ein Verlangen, das bis zur Selbstvernichtung gehen konnte, also ein immer währender Trieb der Selbstvollendung, unterbrochen von Schwermut, Grübeln und wieder überschwänglichem Frohsinn, aber meist einer gleichbleibenden Liebe zum Land. Diese Facetten müssen bei Friedrich Schröder-Sonnenstern in voller Form zur Entfaltung gekommen sein, das ganze Repertoire wurde in seine Tastatur eingefügt, was nicht nur gut gehen konnte und so wurde sein Leben, in Verbindung mit den Umständen, zu einem grotesken Hindernisrennen.

Er war der zweite von 13 Kindern und in der Familie herrschte bittere Armut. Der Vater Briefträger, dem Alkohol verfallen, die Mutter überlastet, gebrochen. Der kleine Friedrich war aber nicht gewillt sich diesem erniedrigenden Schicksal zu unterwerfen, war zu intelligent um Mitläufer zu sein. Obwohl seine Zensuren in der Schule nicht zu bemängeln waren, zerschlug sein Trotz das Porzellan. Unter dem Motto: "Dresche kriegste so oder so", agierte er. Friedrich wurde bestraft, rächte sich mit tückischen Streichen, log, stahl und der Beginn des ersten Heimaufenthaltes war auch der Anfang für die weiteren unaufhaltsamen Kettenreaktionen. 1912 erfolgte die Einweisung in eine Nervenanstalt. Versuche zur Integration scheiterten jeweils. Ebenso ihn beim Militär stutzen zu wollen, mißlang. Mit einem unglaublichen Schabernack entzog er sich dessen, in dem er an Haken Salzheringe an eine Leiter drapierte, darunter Feuer anzündete und dann johlend wie um einen Marterpfahl lief.

Das ganze wurde mit Entartungsirrsinn deklariert, einer unheilbaren Seelenstörung, wobei in keinem der Gutachten, auch später nicht, Geisteskrankheit als Befund ausgewiesen wird. Die Aussagen in den Protokollen sind eher gegenteilig. Dennoch wird er am 24. Oktober 1918 entmündigt. Das zerstört seinen letzten Glauben an einen Sinn der Gerechtigkeit und er begibt sich für immer in seine eigene Symbolwelt. Diesen Vorfall schildert er mit eigenen Wort: "Wurde 1915 eingezogen, aber wegen meiner schwächlichen Körperkonstitution, ich bekam öfter Blutstürze, wurde ich dann zu Prof. Meyer's Militär-Nerven-Klinik da selbst gebracht und wurde da selbst für dauernd kriegsuntauglich erklärt und ohne Versorgung entlassen".
Nun auf sich gestellt betreibt er Handel hinter der Front, wird quasi Kantinenwirt fürs Militär. Seine Stunde schlägt, als er eines Tages eine Anmeldebescheinigung von einem Herrn Gustav Gnass überlassen bekommt. Er ändert seine Identität damit und geht nach Berlin, wo er rund 10 Jahre unter diesem Namen offiziell angemeldet lebt, wenngleich er daraus unterschiedliche Variationen bildet. Elljot Gnass, Geheimrat Prof. Dr. phil. Elliot Gnass von Sonnenstern, Fürst von Sonnenstern, mit denen er die verschiedensten Berufe kombinierte. Mit bombastischen Brieftiteln wird das ganze unterstrichen. Wahrsager, Sektenführer, Gaukler, Heiratsschwindler, Astrologe oder magnetopische Heilkunst, Wanderprediger, Berater in allen Lebenslagen. Seine christliche Sekte hat tausende von Anhängern. Er sammelt nicht unerhebliche Summen Geld mit seinen Jüngern, an denen er sich aber wiederum nicht selbst bereichert, es an die hungernde Bevölkerung weiterreicht. "Der Schrippenfürst von Schöneberg" entsprang dieser Benennung, weil er täglich vor der Schule die hungernden Kinder mit Schrippen versorgte.

Ca. 1930 wird diese Schaffensphase jäh durch eine Anklage wegen Betruges unterbrochen. Er wird verhaftet, seine falsche Identität aufgedeckt. Der Kreislauf der Anstalten setzt wieder ein und Sonnensternchen überließ sein weiteres Leben der Vorsehung unerforschlicher Kräfte und ab dieser Zeit entstehen seine ersten Zeichnungen, die vorerst eigentlich nur zur Illustration seiner Philosophie gedacht waren.

Schröder-Sonnenstern übersteht unbeschadet das Dritte Reich, obwohl er zum Schluß doch noch in ein Arbeitslager gesteckt wird. Nach Beendigung des Krieges lebt er mit seiner Schwägerin, genannt "Tante Marta" zusammen. Sie gibt ihm Halt und drängt ihn weiter zu machen mit seinen Zeichnungen. Zehn Jahre hält dieser Schaffensschub an, ein gleicher Zeitzyklus zu seiner Hochstaplerphase. Es entstehen 250 kleinformatige Blätter, 120 große Formate und viele, viele Spontanzeichnungen bei Freunden und in Kneipen. "Die kleine Weltlaterne" in Kreuzberg wird sein zweites Zuhause, die Wirtin Herta Fiedler umhegt ihn fürsorglich.

Es dauert nicht lange bis man auf ihn aufmerksam wird, wogegen man sich in Berlin eher noch schwer tut. "Arschmaler Sonnenstich" oder "senile Pennbrüdersexualität" (Journalist Hans-Theodor Flemming) wird geäußert, so überschlägt man sich anderweitig, vornehmlich im Ausland mit Lob. "Ein Spitzweg des Unbewußten", "Eine Irrkostümierung in höchster Form" (Franz Roth), "Kaligraphie des Absurden".
André Heller besucht ihn in Berlin und nennt ihn den unbeirrbaren Verkünder und Konstrukteur einer banalitätslosen, narrenwürdigen Gegenwelt. Hundertwasser meint: "Deutschland hat das unausgesprochene Glück stolz darauf sein zu können, dass in seinem Lande, in seiner mutigsten Stadt, der mutigste und unabhängigste Maler und Künstler schafft, den die Welt heute ehrfürchtig zu seinen lebenden Zeitgenossen zählt". Er wird auf die Stufen von Paul Klee bis hin zu Vincent Van Gogh gestellt. Der Kunsthändler Wieland Schmied: "Das hat die Naivität und den moralischen Impuls, das Pathos und die Poesie eines anderen großen Künstlers des Jahrhunderts, den Zöllner Henri Rousseau, dessen nachgeborener Bruder im Geiste wir in Schröder-Sonnenstern erkennen dürfen".

Berühmtheiten aus aller Welt kaufen seine Bilder. Pompidou, Baron Rothschild, Bankier Dreyfuß, Picasso, Cocteau. Matisse läd ihn ein, während man im Rathaus Kreuzberg seine Bilder zu einer Ausstellung dort wegen "unzüchtig" wieder entfernen läßt. Letztendlich muß man ihm aber dennoch seinen errungenen Platz einräumen.

Friedrich Schröder-Sonnenstern erlang seine Mündigkeit aber nie wieder. Nur ca. 5 Jahre seines Lebens oblag ihm vor dem Gesetzt eine Eigenständigkeit. Den Schmerz hierzu hat er nie überwunden, die Hoffnung konnte er aber durch sein Narrentum erhalten. Nachdem Tante Marta ihn 1964 für immer verläßt, verliert er erneut den Halt. Er verwahrlost, die Psychatrie hat ihn wieder. Nach seiner Entlassung nehmen ihn Freunde auf und entgegen seines sonstigen Lebens stirbt der große Friedrich am 10. Mai 1982, kurz vor seinem 90. Geburtstag, völlig undramatisch in Berlin-Lichterfelde. Gemalt hat er auch in dieser Zeit nicht wieder.

"Weck mich, wenn ich tot bin", hat er einmal gesagt, und ich denke an uns soll es heute nicht gelegen haben, ihm diesen Wunsch zu erfüllen.

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