(NICHT NUR ZU) WEIHNACHTEN
Eines Pfarrers Wünsche
Vor uns steht nun wieder Weihnachten – man möchte
fast sagen: dieses unverwüstliche Fest. Keines sonst hat sich so
sehr in das Volk eingegraben. Vielleicht bezieht es seine Wirkung aus
der Pause, die es uns im Weltgetümmel immer wieder gewährt
und die man braucht.
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Weihnachtskrippe in der Zwölf-Apostel-Kirche: eine
Holzschnitzarbeit von Armin Luda |
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Ich meine den Moment des Innehaltens und auch die auf dem Grund unserer
Seele ruhenden Bilder vom Licht im Dunkel, vom Stern in der Nacht und
auch vom neugeborenen Kind. Es sind ja zeichenhafte Bilder, Symbole der
uns eingestifteten Erwartung. Was wären wir ohne Hoffnung! Wie arm
und wie alt wären wir, wenn wir nicht mehr in Finsternissen Licht
erwarteten. Auch halten wir wohl inne, um unseren guten Willen zu demonstrieren.
Wir suchen wirklich die Nähe derer, die unsere Nächsten sind.
Wir machen Geschenke. Wir tun Gutes. Die Familie bedeutet uns noch etwas.
Natürlich hat jeder weiterhin sein Päckchen zu tragen. Jeder
bleibt auch im Griff seiner Pflichten. Aber gerade das spricht ja für
die verdiente Pause, für die Einkehr ins Gemüt. Es spricht
für das von Liebe und Hoffnung geprägte Innehalten, das ja
auch Frucht bringen kann. Möchte auch in diesem Sinne Friede sein
auf Erden. Und möchte sich unsere Hoffnung erfüllen, daß wir – mit
Martin Heidegger zu reden – nicht Wege wandern müssen, die
verwachsen jäh im Unbegangenen aufhören – wonach es ja
nicht selten heute aussieht.
Mir fiel jene halb ernste und halb scherzhafte Frage ein, die da lautet:
Wenn man einen Wunsch frei hätte, welcher das wohl wäre? In
Ansehung unseres gesellschaftlichen Miteinanders in der letzten Zeit
habe ich einen Wunsch wegen des Stils miteinander und auch wegen der
Tiefe unserer Erlebnisbereitschaft.
Von den Tribünen der Politik und auch in den Medien werden viele
Wünsche sozialer, wirtschaftlicher und politischer Art vorgebracht.
Aber sprechen wir zum Beispiel genug von jenen Qualitäten, die man
immerzu braucht und die uns eigentlich erst das Leben zu bestehen helfen?
Ich meine so alte Dinge wie die Tapferkeit der Herzen, die Güte
miteinander, zuvorkommende Freundlichkeit, selbstverständlichen
Zuspruch und Handreichung und einfach auch Verläßlichkeit,
Fairneß und Aufrichtigkeit, daß einer sich auf den anderen
stützen kann. Sind wir nicht auch dazu da? An den Anfang gehört doch schlicht das Eingeständnis, das jeder
auch von sich aus als Vorleistung aussprechen könnte. Das wäre
doch anständig und vielleicht sogar ritterlich. Es wäre schon
etwas, wenn wir heute mehr Noblesse miteinander zeigten, in Kirche und
Gesellschaft.
Wie schrecklich ist es, daß man in einer so großen Stadt
immer wieder hört: Einsame Menschen sterben in der Wohnung nebenan
allein, und niemand merkt etwas. Fragt man nicht einmal nacheinander – und
gerade, wenn es so still geworden ist? Kürzlich machte mich ein
Amtsbruder auf eine Anzeige in einer großen Berliner Tageszeitung
aufmerksam. Da hatte ein bekanntes Amüsierlokal hemmungslos inseriert:
Volkstrauertag, Bußtag und Totensonntag Tanz mit Kapelle! Manchmal
frage ich mich auch: Warum sind eigentlich in den sicherlich dringlichen
und bedrängenden Auseinandersetzungen einer kritischen und schwierigen
Zeit die Töne so laut und so schrill und manche Publizistik mit
so viel Häme und Zynismus verbunden? Woran im Menschen appelliert
man da eigentlich? Kurz und gut, ich wünschte unserer Gesellschaft
und auch unserer Kirche das Charisma der Sensibilität, mehr Stil
und mehr Tiefe. Ich wünsche auch bei allen Freiheiten, die wir so
an uns raffen, dass das Gewissen aktiv bleibt. Das Niveau, das man
einhält, ist auch ein sozialer Akt. Und die Tugenden, die ich nannte,
sind ein Reichtum. Und ich wünsche mir weiterhin, daß wir
dem die Priorität geben, dem sie zukommt. Nach meinem Eindruck müssen
wir neu lernen, Gottes Anrede besser zu unterscheiden von dem, was wir
den Zeitgeist nennen. Wenn Gott uns anspricht, ist sein Wort aktuell.
Aber es unterscheidet sich erheblich von dem, was in den Medien als Wort
zur Lage erscheint. Gottes Wort ist immer Anspruch und Zuspruch und weder
Beschönigung noch Anlass zur Larmoyanz.
Wenn wir doch darauf vertrauten, daß Gott zu seinem Wort steht!
Wir fragen uns oft, ob denn die Menschen noch auf Gottes Wort hören
wollen. Gleichzeitig erleben wir, wie es bei vielen Menschen in besonderen
Situationen "ankommt". Die Verheißung, die dem Wort
Gottes mitgegeben ist, erfüllt sich immer von Neuem: "Es soll
nicht leer zurückkommen, spricht der Herr."
Wir sollten wahrnehmen, was um uns herum geschieht. Es scheint so,
dass die
Belastungen, unter denen wir leben, im neuen Jahr größer werden.
Die Unsicherheit, wie es wirtschaftlich in unserem vereinten Land weitergeht,
nimmt zu. Wir erleben unsere Ohnmacht, Völker hungern zu sehen,
ohne durchgreifend helfen zu können und sind trotzdem zur Hilfe
aufgefordert. Wir sind erschrocken darüber, dass Ausländer
unter uns nicht mehr sicher leben können, sondern ihnen blinder
Hass und nackte Gewalt entgegenschlägt. Dies alles kann uns
nicht wegschauen und allein auf das "Eigentliche" sehen lassen,
denn in Christus ist das Eigentliche immer an unsere Mitmenschen gebunden.
So gilt es, sich gegen Gewalt, Ausländerhass und Antisemitismus
zu artikulieren und zu wehren.
Ich danke für alle Dienste und alle Mitarbeit in dem zu Ende gehenden
Jahr. Die Zeiten sind für uns nicht leichter geworden. Wir spüren,
daß in unserer Gesellschaft der Kirche der Wind ins Gesicht bläst.
Ich wünsche uns, dass wir aus der Zuversicht des Glaubens
gelassen reagieren, uns den kritischen Fragen stellen, so sie auf uns
zukommen,
aber auch uns in der Gewissheit bestärken lassen, dass Gott
Neues in seiner Kirche wachsen lassen kann und will.
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Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest
und für das Jahr 2004 den Beistand und das gnädige Geleit
des Dreieinigen Gottes!
Ihr Pfarrer Heinz-Hermann
Wittrowsky |
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