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MONATSSPRUCH

Januar
Weise mir, Herr, deinen Weg; ich will ihn gehen in Treue zu dir.
(Psalm 86, 11)

Februar
Alles ist erlaubt - aber nicht alles nützt. Alles ist erlaubt - aber nicht alles baut auf. Denkt dabei nicht an euch selbst, sondern an die anderen.
(1.Korinther 10, 23-24)

JAHRESLOSUNG
2012
Jesus Christus spricht:
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
(2. Korinther 12,9)


 

130 JAHRE ZWÖLF-APOSTEL-KIRCHE
Predigt über 1. Johannes 4, 16–21 zum
Festgottesdienst am 1. Sonntag nach Trinitatis (13. Juni 2004)

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Festgemeinde in der zweitältesten Kirche Schönebergs, Zwölf Apostel, im Herzen von Berlin!

Dieser Tag ist der Abschluss der Festwoche zum 130-jährigen Kirchweihjubiläum. Manch einer ist mehrfach hier gewesen in dieser Woche voller Leben und Angebote, viele sogar Tag für Tag. Was für ein Bild von Kirche scheint da auf! Geöffnete Türen, Menschen, die ein- und ausgehen, der Weg vom Gemeindehaus zur Kirche gleich einer Ameisenstraße, und alle Angebote behaupten spielend ihr eigenes Recht: Gemeinde-Café ohne Ende, Malen in der Kirche, Nachdenken über Herkunft und Zukunft, Kluges und Kontroverses und dann: Schweigen zwischen den abendlichen Wechselgesängen in der Kirche. Ach, wieviel Charme und Chic dieser Kulturprotestantismus doch preisgeben kann, wenn man ihn nur lässt – und wenn wir so frei sind! Und was wir dazu noch gelernt haben: wer Adolf Kurtz war; wie kurz unser Gedächtnis ist; dass Bonhoeffer und Barth hier schon predigten und lehrten; dass das Gebrüll des nahen Sportpalastes Widerhall fand auch hier, Widerhall – aber auch Widerstand. Christliche Gemeinde – woher, wohin? Und was gilt es zu bekennen? Und wie gewinne ich das ewige Leben – im vorläufigen?

Kürzlich – viel zu selten treten wir so in die Öffentlichkeit – wurde ich festgehalten nach dem Pfingstmontagsgottesdienst der vielen Konfessionen vor dem Rathaus Schöneberg. Noch eine Stunde später stand ich mit dem Mann da, der immer insistierender wissen wollte, ob ich die Liebe Gottes auch angenommen hätte und bereit sei, sie anderen weiterzusagen. Um die Liebe ging es ihm, dem freien und doch sehr gebundenen Christen, um etwas Schönes, Himmlisches, aber das Gespräch darüber wurde immer bedrohlicher. So ernst war es ihm, dass er nicht merkte, wie er sich mit der göttlichen Liebe verwechselte und im Namen der Liebe mit Lust das Urteil sprach über alle, die ihr nicht genügten. So ist Gott nicht. Gott sei Dank.

Auch Gottes Wort ist gnädiger und wissender. Und wirbt um uns, dass wir Gott erkennen und das heißt: lieben lernen. So einen Predigttext haben wir heute. Wie schön, zum Abschluss dieser Woche, da die Liebe zu- und untereinander uns manchmal leichter schien als sonst. Was nehmen wir mit von heute – für morgen? Dreierlei:

  • Gott ist die Liebe (und wo die Liebe ist, da ist Gott).
  • Furcht ist nicht in der Liebe (und wo Furcht ist, da ist nicht Gott).
  • Handgreiflich wird die Liebe – sie ist zu hören, zu sehen und zu schmecken (und im übrigen wird jeder der Lüge überführt, der behauptet, er sei ein Liebender und ist es nicht, weil er Furcht verbreitet oder mehr als das).

Einfache Sätze und wie schnell wir daran scheitern. Kern-Sätze. Und deshalb immer und immer zu wiederholen, zuerst für mich selbst und dann auszulegen ins Leben.

Lasst es uns versuchen: Gott ist die Liebe – und nicht: ich bin es. Zurechtweisend und entlastend. Wie ein Wetterleuchten taucht dieser Satz der Gotteserkenntnis als selbstkritische Umkehrung und Bekenntnis meiner selbst auf. Ich sollte ein Liebender sein können? Mein Gott, weißt du, wie mir meistens zumute ist? Wie ich an mir selbst klebe, selbst wenn ich mich dabei nicht leiden mag! Ja, Gott, du weißt es. Hoffentlich entdecken es die anderen nicht so schnell. Wie stünde ich da? Wie ein Egoist, mit der Angst ums Ich. Ich wusste schon, warum ich in entscheidenden Augenblicken nicht nur "Ja", sondern auch "mit Gottes Hilfe" gesagt habe. Und auch Martin Luther ist mir nahe. Wie hat er gekämpft um deine Anerkennung, deine Liebe und wusste doch: er war es nicht wert.

Aber du bist die Liebe. Unabhängig davon, ob ich es wert bin oder nicht. Das zu erkennen, war auch seine Rettung. Du bist es und deine Liebe "bleibt", wie Johannes sagt. Deine Liebe ist zur Welt gekommen, haftet, klebt an uns, umgibt uns, ist nicht auszulöschen. Die Liebe, die eine Absicht und eine Geschichte hat, und einen Namen trägt: Jesus Christus.

Wir wissen es und nennen uns nach ihm, so wie wir wissen, dass wir unverlierbar getauft sind in Seinem Namen, hineingetauft in den Leib der Gemeinschaft der Heiligen – was für ein unheiliges Durcheinander –, und können es kaum glauben und halten es darin nicht aus, weil wir unser Glück doch auf eigene Faust jenseits deiner Liebeserklärung suchen. Strebendes Bemühen, Höher-hinaus-in-jeder-Hinsicht, das liegt uns näher als Eingebettet-Sein in Liebe. So verlieren wir mit der Liebe auch Gott. Aber Er bleibt. Zuvorkommend. Wir könnten zurück: aber nur um den Preis, dass wir uns von seiner Liebe umhüllen lassen ("Du willst uns früh umhüllen.").

Und wir können zurück ohne Furcht. Ohne schlechtes Gewissen. Es wird uns nichts angedroht. Nur "weil wir sie brauchen", die Liebe, wie Gerhard Schöne es besingt ("Liebe uns allen, weil wir sie brauchen."). Wir können zurück in den Kokon der Liebe, weil er da ist, und weil es die "vollkommene Liebe" ist, also die, die auf Furcht und Zittern, auf Rache und Eifersucht, auf Gegenleistung eben, verzichten kann. Liebe, die an ihr Ziel gekommen ist und bedingungslos sich hingibt. Das ist vollkommene Liebe und – erinnern wir uns: Menschlich gesprochen hat auch Gott seine Zeit gebraucht, bis er sich über die Umwege von Zorn und Rache, Sintflut und Exil so bedingungslos in die Hände der Menschen begeben hat. Diese Hingabe in aller Konsequenz ist erschreckend und löst auch heute noch Diskussionen aus ("Gott, war das nötig?"). Aber sie geschieht ganz furchtlos und im Frieden. Sie nimmt kein schlechtes Gewissen an. Ja, sie tilgt es.

Vor der Liebe Gottes in Jesus Christus muss sich niemand fürchten. Mit der Liebe Christi kann man das Fürchten verlernen. "Ich habe so ein schlechtes Gewissen" sagt mir ein Pfarrer in der Krankheit. "Ich bin zu so wenig nütze." Ich verstehe ihn, und sachlich mag es sogar stimmen, aber Gott stimmt ihm nicht zu. Seine Liebe gibt dir nur recht, wenn du die Furcht und die Selbstvorwürfe beiseite lässt. Du musst es nicht. Aber du dürftest es, weil die vollkommene Liebe auf dich wartet. Du bist ihr Ziel. Und deine Furcht, du müsstest erst etwas leisten, findet in Gott keinen Anhaltspunkt. Gott ist nicht zum Fürchten da. Und wo Furcht ist oder verbreitet wird, da ist Gott nicht.

Gott ist da, "wo der Bruder oder die Schwester ins Warme geholt werden", wie ein Ausleger aus dem kalten Norden das Handgreifliche und Spürbare der Liebe übersetzt hat. Ja, und davon ist schließlich auch zu reden, von den sichtbaren Folgen der Liebe oder von der Selbsttäuschung, die da meint, bei der Liebe handele es sich um ein exklusives Privatverhältnis zwischen Gott und mir. Platonisch eben. Und im übrigen gehe das niemand etwas an. Eine Lüge nennt das unser Briefabschnitt, wenn die Liebe gegenüber Gott behauptet, aber dem Mitmenschen verweigert wird. Handgreiflich wird Gottes Liebe, wenn ich von ihr ergriffen bin. Wie könnte es sein, dass man mir diese Ergriffenheit nicht anmerkt? Wie kann es sein, dass ich davon nichts hergebe? Doch nur, wenn ich Angst hätte, mir bliebe zu wenig oder der Schatz ginge ganz verloren. Aber Gottes Liebe bleibt und Furcht ist nicht in ihr, also: wenn ich die Liebe dem Bruder oder der Schwester verweigere, dann bin ich von mir aus nicht in Gottes Liebe. Gut, wenn ich das weiß. Ich denke an mein Gespräch vor dem Rathaus Schöneberg, an die missionarische Lust, mit der mein Gesprächspartner, behaupteter Bruder unter Brüdern, mich im Namen der Liebe dem Gericht überantworten will. Wer nicht hören will, muss fühlen. Wer nicht bekennt, brennt. Menschliche Logik, aber nicht göttliche. Nicht dieses Gottes. Er hat nicht Gefallen am Opfer, sondern an der Einsicht in die eigene Bedürftigkeit. Und der Mensch, der im Namen Gottes Opfer produziert, ist mehr als ein Lügner.

Es lässt mich mit Blick auf diese, aber auch auf jede christliche Gemeinde der Satz nicht los, den Pfarrer Wittrowsky mittwochabend in seinem Vortrag zitiert hat. Eine kleine Szene verweigerter Liebe unter Brüdern und Schwestern und zugleich ein Satz wie ein Todesurteil: Da blickt ein Taufkind, die nichtarische Pfarrfrau Eva aus dem Fenster des Pfarrhauses und der Amtsbruder auf der Straße sagt zum Konfirmanden: "Sieh an, die Sarah, wer weiß wie lange sie so noch aus dem Fenster schauen wird." – Und dann soll das Leben weitergehen?

Wie macht Gott es nur, dass wir trotzdem zusammen gehören und zusammenbleiben. Nur durch die Liebe. Nicht durch unsere. Nur durch SEINE Liebe, die die Zuflucht bleibt für alle, die sonst verloren wären. Es ist nicht zu begreifen. Aber es ist so. Auch in Schöneberg. Auch in Zwölf Apostel. Auch heute.

Eine Zeugin dieser Wahrheit ist Judith Wodrig gewesen. Auch an sie denken wir heute.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Foto: Schult de Morais/diálogo
 


Wolfgang Barthen
ist Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Berlin-Schöneberg

 
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ZUR FESTWOCHE
6. BIS 13. JUNI 2004

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Festwochenprogramm 130 Jahre Zwölf-Apostel-Kirche
 

Presseinformation zur Ehrung von Adolf Kurtz und zu den begleitenden Veranstaltungen im Rahmen der Festwoche
Presse | Pressemitteilungen »

Festpredigt von Superintendent Wolfgang Barthen am 13. Juni
Auf ein Wort »

Im Rahmen der Festwoche finden zum Schwerpunktthema "Kirchenkampf im Dritten Reich" am 10. und 11. Juni zwei besondere Veranstaltungen statt. Mehr zu Adolf Kurtz lesen Sie in einem Beitrag von Pfarrer Heinz-Hermann Wittrowsky im Gemeindemagazin "Zwölf Apostel" sowie online hier:
Mutiges Bekennen und Widerstehen in schwerer Zeit »

Ausstellung
130 Jahre Zwölf-Apostel-
Kirche
Originale aus dem Archiv der Gemeinde

Entwurf für die Zwölf-Apostel-Kirche von Friedrich Stüler (1864)

Zu sehen: Originalentwürfe des Schinkel-Schülers Friedrich Stüler aus dem Jahr 1864, außerdem Detailzeichnungen der weiterführenden Planungen von Hermann Blankenstein sowie einige Skizzen und Fotografien.
Zeiten: Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 10 bis 13 Uhr, Mitwoch von 17 bis 19 Uhr (erweiterte Zeiten in der Festwoche vom 6. bis 13. Juni)
und nach Absprache
Ort: Adolf-Kurtz-Haus, Foyer