AUF EIN WORT
Aus der Kraft der Wurzel leben – Erfahrungen mit Psalmen
Sie lesen nachfolgend einen Vortrag in stark gekürzter Fassung, den Pfarrer i. R. Gerhard Fischer im Rahmen der Reihe "Interreligiöses Gespräch" im Mai 2005 gehalten hat. Der Psalm 73, Zentrum dieses Vortrags, sei Ihnen zur vorherigen bzw. begleitenden Lektüre empfohlen.
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Apsisfenster (Detail) der Zwölf-Apostel-Kirche  |
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In der Überschrift ist von der Kraft der Wurzel die Rede, ein Zitat des Apostels Paulus aus seinem Brief an die Heidenchristen in Rom (Röm. 11,18): Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. Die Wurzel, das ist Israel, ist die Hebräische Bibel, die wir das Alte Testament nennen. Über der Wurzel dürfen wir das lebendige Judentum nicht vergessen.
Vor fünf Jahren hat mir eine kleine Geschichte einen neuen Zugang zu den Psalmen eröffnet, sie steht am Schluss eines Buches, das so beginnt: In einer der Ruinen des Warschauer Ghettos ist zwischen Haufen verkohlter Steine und menschlichem Gebein das folgende Testament gefunden worden, in einer kleinen Flasche versteckt und verborgen, geschrieben in den letzten Stunden des Warschauer Ghettos von einem Juden namens Jossel Rakover: Warschau, den 28. April 1943. Was dann folgt ist eine einzige Anklage, ja eine Abrechnung mit Gott: Was noch, oh, sag es uns, was noch muss geschehen, damit du dein Gesicht vor der Welt wieder enthüllen wirst?
Aber dann schließt das Testament so: Mein Rabbi pflegte mir immer wieder die Geschichte von einem Juden zu erzählen, der mit Frau und Kind der spanischen Inquisition entkommen war und sich in einem kleinen Boot über stürmische See zu einer kleinen Insel durchgeschlagen hatte. Da zuckte ein Blitz auf und erschlug seine Frau. Da kam ein Sturmwind und wirbelte sein Kind ins Meer … Allein ist der Jude seinen Weg weiter gegangen auf die wüste Felseninsel und hat sich so an Gott gewandt: Gott Israels, sagte er, ich bin hierher geflohen, dass ich dir ungestört dienen kann: um deine Gebote zu tun und deinen Namen zu heiligen. Du aber tust alles, dass ich nicht an dich glauben soll. Wenn du aber meinen solltest, dass es dir gelingen wird, mich mit diesen Versuchungen vom richtigen Weg abzubringen, ruf’ ich zu dir, mein Gott und Gott meiner Eltern, dass es dir alles nicht helfen wird. Magst du mich auch beleidigen, magst du mich auch züchtigen, magst du mir auch wegnehmen das Teuerste und Beste, das ich habe auf der Welt, und mich zu Tode peinigen – ich werde immer an dich glauben. Ich werde dich immer lieb haben, immer – Dir selbst zum Trotz!
Geschrieben sind diese Worte nicht 1943 im Ghetto, sondern 1946 in Buenos Aires von dem vierundzwanzigjährigen Rabbinersohn Zvi Kolitz (Jossel Rakovers Wendung zu Gott, von Zwi Kolitz, ISBN 3257064489). In ihnen lebt der Geist der Psalmen, eine Frömmigkeit, weder apathisch, unfähig, Leid wahrzunehmen, noch wehleidig, Gott für alles verantwortlich machend.
Ernstfall des Glaubens – Psalm 73
Wer Psalmen liest oder betet, tut dies immer in seinem zeitlichen und ganz persönlichen Kontext. In seinen Aufzeichnungen "Gärten und Straßen" berichtet Ernst Jünger, er sei an seinem 45. Geburtstag am 29. März 1940 morgens ans Fenster getreten und habe den 73. Psalm gelesen. Diese Notiz hatte Folgen. Ein Jahr nach Erscheinen des Buches hat
Joseph Goebbels verlangt, die entsprechende Stelle zu streichen. Das hat Jünger abgelehnt und so konnte das Buch erst nach dem Krieg wieder erscheinen. Immerhin hat Goebbels den Psalm nachgeschlagen und sofort die Brisanz erkannt, wovon da geredet wird und die jedem, der den Psalm liest, sofort auffällt.
Der Beter verzweifelt fast daran, dass die Gottlosen so erfolgreich sind und glücklich leben (womit nicht etwa Atheisten gemeint sind, sondern Menschen die ohne Rücksicht auf Gott oder Mitmenschen ihrem Vorteil nachjagen). Siehe, das sind die Gottlosen/die sind glücklich in der Welt und werden reich. Hätte ich gedacht, ich will reden wie sie/siehe, dann hätte ich das Geschlecht deiner Kinder verleugnet.
Die Versuchung ist groß, zu reden und zu tun wie alle anderen. Gefühle und Gedanken, die wir kennen, wenn wir durch Krankheit oder sonstige Schicksalsschläge aus der vorgesehenen Bahn geworfen werden. So sann ich nach, ob ich’s begreifen könnte/aber es war mir zu schwer, bis ich ging in das Heiligtum Gottes. Der Umschlag geschieht im "Heiligtum Gottes", wobei es offen bleibt, ob damit der Tempel gemeint ist oder das Einlassen auf die Überlieferung Israels in der Schrift.
Dennoch bleibe ich stets an dir/denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Mit dem Wort "doch", Luther übersetzt sehr viel stärker mit "dennoch", verwandelt sich die Klage, ja Anklage, in ein Vertrauen, fast möchte ich sagen Urvertrauen. Ich muss sagen, dass mir dieser Psalm besonders um des "dennoch" willen besonders lieb geworden ist. Und wie oft können wir nur noch "dennoch" sagen und so in den verschiedensten Situationen unseres Lebens fest bleiben. Das Experiment mit dem Glauben – so könnte man den 73. Psalm auch überschreiben. Oder auch: Der Ernstfall des Glaubens.
Ein Problem im Zusammenhang mit der Beschäftigung mit den Psalmen möchte ich nicht verschweigen: die Rachepsalmen, Feindpsalmen, die gibt es auch – das Thema »Gewalt in der Bibel« wird uns in unserer Reihe "Interreligiöses Gespräch" an einem eigenen Abend beschäftigten.
Beständiges Gespräch mit Gott
Manche Verse bleiben im Gedächtnis haften und können dann zu einer Psalmmeditation werden bei verschiedenen Gelegenheiten während des Tages. Das sind dann Kristallisationskerne des Glaubens, die jeder für sich entdecken kann, z. B. Psalm 36,10: Bei dir ist die Quelle des Lebens/in deinem Lichte sehen wir das Licht. Martin Buber übersetzt: In deinem Lichte sehen wir Licht. Oder Psalm 43,4: Ich will hineingehen zum Altar Gottes/zu Gott, der mir Freude und Jugend gewährt – so die lateinische Bibelübersetzung.
Auch Psalm 65,9: Die Aufgänge des Morgens und Abends/machst du jubeln. So Martin Buber, bei Martin Luther heißt es: Du machst fröhlich, was da lebt/im Osten wie im Westen. Ich entscheide mich für die sprachlich genaue Übersetzung Bubers: Die Aufgänge des Morgens und (des) Abends machst du jubeln. Das hat seinen Grund: An einem Winternachmittag Ende Januar ging ich, von der U-Bahn herkommend, die Else-Lasker-Schüler-Straße entlang, der Himmel zartblau, der volle Mond als weiße Scheibe zwischen den kahlen Zweigen einer Birke. Ein zauberhafter Augenblick – und da kamen mir die Psalmworte in den Sinn und jetzt konnte ich es ins Wort bringen.
Das ist es, was ich mit der Kraft der Wurzel meine: Sprache für Sorge, Angst, Depression, Trauer, Wut, Verzweiflung, aber auch Vertrauen, Zuversicht, Einverständnis, Jubel. Ich werde hineingezogen in ein beständiges Gespräch mit Gott.
Pfarrer i. R.
Gerhard Fischer
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