AUF EIN WORT
Die heiligen drei Könige Predigt über Matthäus 2, 1–12
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der Zwölf-Apostel-Kirche (Entwurf: Alfred Kothe) |
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An den unmittelbaren Anfang des
Lebens Jesu hat der Evangelist Matthäus diese interreligiöse Geschichte gestellt. Denn diese Geschichte setzt voraus: Alle Religionen künden von der einen Wahrheit, von Gott, dem All-Einen – oder genauer: Für diejenigen, die Gott in ihrem Herzen tragen, die mit ihrem Leben Gott folgen, sind Religionen keine Grenzen, sondern nur andere Sprachen, Ausdrucksweisen Gott zu preisen.
Die Geschichte ist keine historische Erzählung. Sie ist eine Legende, ein Märchen. Es gibt Tatsachenwahrheiten, so und so genau hat sich etwas abgespielt. Und es gibt Wahrheiten der Seele, formuliert in Legenden als Poesie des Göttlichen. Von solchen Wahrheiten der Seele erzählt Matthäus und er macht deutlich, diesem Anfang des Lebens Jesu wohnt ein besonderer Zauber inne grenzüberschreitend, ja sphärenübergreifend – Heiden und Juden, Erde und Himmel kommen zusammen. Diese Geschichte des Anfangs Jesu macht deutlich, wes Geistes Kind da im Stall bei den Hirten liegt.
Am Ende des Matthäus-Evangeliums heißt es: "Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker, tauft sie und lehrt sie zu halten alles, was ich euch befohlen habe". Dem interreligiösen Anfang entspricht das spätere interreligiöse Ende mit dem Auftrag: entfaltet die Qualität Gottes in aller Welt, verbindet, eint die Menschen im Glück Gottes, lehrt sie alles Lebenswichtige und stiftet mit der Taufe das helle Bewusstsein der Gottesverbundenheit. Das ist gemeint und nicht: schafft neue Anhänger einer bestimmten Religionsgemeinschaft.
Aber zurück zum Anfang – Jesu Leben verbindet in dieser Geschichte von Beginn an die religiösen Kulturen und Orte. Ja, nicht nur das, wir erfahren – Heiden wissen mehr! Sie wissen mehr als die Gelehrten aus den eigenen Reihen. Wenn das nicht ein Grund für Toleranz und Achtung vor fremdem religiösen Wissen ist! Und wie wichtig ist diese Lehre bis heute. Gerade heute, da sich im Irak im Namen Gottes Befreier gegenüberstehen, die keine sind, weder die Terroristen, die schon lange nicht mehr zu wissen scheinen, wofür sie wirklich kämpfen, noch die Besatzer, die meinen, gegen die Achse des Bösen zu kämpfen und den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben. Die heiligen drei Könige stehen für eine Kultur der Versöhnung, die bis heute auch in Jesu Heimat so bitter nötig wäre.
Matthäus’ magische Geschichte vom großen Anfang Jesu zeichnet die Welt als ein großes Gottesgeflecht aus Sinn, Schönheit und Folgerichtigkeit. Wie oben mit dem leuchtenden Stern, so unten im Landflecken Bethlehem. Die kosmischen und die irdischen Abläufe erscheinen in ihrem wundervollen Aufeinander-Bezogen-Sein. In Jesus selbst vereinen sich aus christlicher Sicht Göttliches und Menschliches zu einem Untrennbaren. Die wahrhaft Gottesfürchtigen kommen aus allen Richtungen. Die Sterndeuter/
Magier kommen aus den Ländern des Aufgangs, des Ostens – auch der Stammvater Abraham kam aus dem Osten –, es kommen die großen Leute und die kleinen, die Randständigen der Geschichte, einfache Hirten.
Die entscheidende Frage ist nicht, dass der erlösende Gott auf die Welt kommt, sondern wie die Menschen ihm begegnen. "Wie soll ich Dich empfangen und wie begegn’ ich dir?", heißt es in einem Weihnachtslied. Gott ist überall und immer gegenwärtig. Doch er ist uns so nah oder so fern wie wir es ihm gegenüber sind. Wichtig ist, dass wir die Zeichen Gottes erkennen, uns nach ihnen ausrichten, ihnen folgen, uns aufmachen – im doppelten Sinne!
Schauen wir uns die einzelnen Elemente dieser wundersamen Geschichte noch einmal genauer an. Zwei Welten stoßen im Vorfeld aufeinander, die Welt des Herodes, die Welt von Jerusalem und die der heiligen drei Könige. Die Welt des Herodes steht für das religiöse Establishment, hier regieren die Gewohnheit, die religiöse Ordnung oder der Status Quo. Worauf es hier ankommt, ist nur: Herrschen und Beherrschtwerden.
Dies ist die Welt der Gottesspezialisten – der Gottesverwalter. Das Heilige ist nur Futter für den Machtapparat. Religion dient hier wirklich als Opium des Volkes, als Herrschaftsinstrument. Wir kennen diese Welt, tragen sie in uns, sie ist unser vergiftender Alltag. Bilden wir uns nicht ein, das seien nur die anderen. Jeder von uns trägt auch einen kleinen Herodes und Gottesmörder in sich (aber zum Glück auch den Stern und die heiligen drei Könige).
Herodes scheut sich nicht, die heiligen Schriften zu studieren, um mit den Augen des Hasses, der Kontrolle, das auszumerzen, was göttlich ist. Gekonnt und scheinheilig horcht er die heiligen Männer aus und versucht sie vor seinen Karren zu spannen: Geht hin, kommt eilends zurück und erstattet mir Bericht.
Daneben die heiligen drei Könige, Magier, Weise, Stern- und Zeichendeuter, Gottsucher und -finder. Sie sehen Verborgenes und kosmische Zusammenhänge. Sie sind Gottes-Reisende, unterwegs aus Gottessehnsucht heraus. Sie verkörpern die Welt der Verheißung, des Wagnisses, der Hoffnung. Sie haben Wüsten durchquert, fremde Länder, eine lebensgefährliche Reise unternommen. Doch nur das Ziel dieser Reise verdient den Namen Leben wirklich. Sie entstammen nicht Jesu Herkunftsreligion. Doch an ihnen wird deutlich: alle Religionen wissen um die kommende Wahrheit/Wirklichkeit Gottes! Und: achten wir auch das Kleine, Unscheinbare, Unfertige. Darin kommt Gott zur Welt, ist Gott geboren und jeder Mensch trägt ein instinktives Wissen darum im Herzen. Jeder kann seinem Stern folgen.
Der Stern: ein weiteres wesentliches Element der Geschichte. Sinnbild des Sterns in uns, unseres Gottessinns. Der Stern steht zudem für die uralte okkulte Lehre unter anderem der Astrologie: wie oben, so unten. Er steht für die Hoffnung und das Bewusstsein, wir leben in einer kosmischen Harmonie des Sinnes. Wir leben in Gottes wunderbarem Geflecht aus Schönheit und Sinn, das kleine wie das große. Alles Teil eines himmlischen Gottesliedes.
Das nächste Element, die Gaben. Mit der Gabe schenkt sich der Geber, heißt es, bringt etwas über den Beschenkten zum Ausdruck. Übrigens, kleine Bemerkung in Klammern, der scheinbar beflissene Herodes hat keine Geschenke mitgegeben. Manchmal liegt die Botschaft biblischer Geschichten auch in dem, was nicht passiert. – Nur was wir verschenken können, besitzen wir wirklich, nur das kann uns niemand nehmen. Die heiligen drei Könige schenken Gold, Weihrauch und Myrrhe. Was sind das für Gaben?
Weihrauch, das war und ist bis heute das bevorzugte rituelle Räuchermittel zur Anbetung, es ist der Wohlgeruch, um Himmel und Erde zu versöhnen. Es ist ein klassischer Transfer- und Transformationsstoff, "das, was zu Gott macht" – so übrigens die genaue wörtliche Übersetzung aus dem Ägyptischen. So wie Jesus in den Augen der Christen der Transformator war, Irdisches und Himmliches zu versöhnen und zu verbinden.
Myrrhe, das Harz des Balsambaumes. Auch wir wissen: Balsam steht für Heilung, Linderung der Schmerzen. Balsam für die Seele. Myrrhe war auch wesentlicher Bestandteil des Salböls. Es war ein Heilmittel gegen Krankheit, Schmerz und Leid. Somit ist Myrrhe auch Ausdruck des Mitleids, so wie Jesus der Mitfühlende par excellence war.
Gold, Sinnbild des Unverwüstlichen, kostbar, Symbol der Sonne, des Himmelslichtes, das Edelmetall der Könige, Symbol der Vollkommenheit, Symbol höchster spiritueller Vollendung.
Ja, diesem Anfang wohnt ein Zauber inne. Gott kommt dabei nicht als fertiger Athlet des Spirituellen auf die Welt, nicht als imposanter Gottesrecke, kein Titan des Glaubens, sondern Gott kommt als Kind. Gott zeigt sich als der, der wird. Gott im Werden, unserer Fürsorge bedürftig. Nicht wir brauchen Gott, Gott braucht uns. Im Anfang dieser Geschichte sieht man nicht mangelleidende Gotteskonsumierer – gib mir dies, gib mir das –, Gott braucht uns, unsere Geschenke, unsere Reise zu ihm hin, ob von nah oder fern in die wundersame Sphäre seiner Unscheinbarkeit. Gott braucht unsere Geschenke, um zu wachsen und sich zu entfalten. Durch unser Gott-Entgegenkommen werden wir groß, und satt, und heilig.
Noch einmal, die entscheidende Frage ist nicht, dass der erlösende Gott auf die Welt gekommen ist,
auf die Welt kommt, sondern wie
die Menschen, wie wir ihm begegnen. Gott ist überall und immer gegenwärtig. Doch er ist uns nah oder so fern wie wir es ihm gegenüber sind.
Diese Seelen-Geschichte, eine Geschichte von den herrlichen Kräften des Aufbruchs, der Sehnsucht, der Versöhnung wider die Kräfte des Engherzigen und die Kräfte des Beharrens. Eine Geschichte, die zudem lehrt: echte Gottesbegegnung ist kein Ende, sondern ein Anfang. Und für die, die Gott erkannt haben und ihm folgen, gibt es keine Religionsgrenzen, nur Berührungspunkte, nur Geschenke
und Aufgaben miteinander zu teilen. Die Gemeinschaft der Heiligen verläuft quer durch die Religionszugehörigkeiten. Gottes Haus hat viele Wohnungen.
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So wunder-schön kann die Bibel sein – in so wenigen seelenstarken Worten – und so wundervoll Gottes Geschichte mit uns. Was kann man da noch sagen?: Amen.
Pfarrer Peter Weigle (Predigt am 6. Januar 2004
in der Zwölf-Apostel-Kirche) |
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