Veröffentlicht am So., 20. Dez. 2020 08:00 Uhr

„Die Feste der Kirche erinnern wohl an Vergangenes, sie sind aber Gegenwart, lebendiger Vollzug; denn was einmal in der Geschichte geschehen ist, soll sich im Leben des Glaubenden immer wieder ereignen. Damals ist der Herr gekommen, für Alle. Er muss aber immer neu kommen, für Jeden. Jeder von uns soll das Warten, Jeder die Ankunft des Herrn erfahren, damit ihm daraus das Heil werde.

Wenn wir das so hören, kommt uns vielleicht der Gedanke: Was im Leben wichtig ist, muß ich doch selbst finden. Es muß aus meinem eigenen Leisten und Kämpfen hervorgehen. So muß auch das Heil Sache meines eigenen Ernstes und meiner Bemühung sein. Was soll da das Warten auf Einen, der von anderswoher kommt?

Das ist aber nicht richtig gedacht. Gewiß muß ich, was mein Eigenstes angeht, selbst wollen und leisten; doch das wäre nicht alles und nicht einmal das Entscheidende.

Was gibt es Wichtigeres, als daß ich in meinem Leben den Freund finde? Der Freund ist mir einer, der nicht nur an sich denkt, sondern auch an mich; dem daran liegt, daß es mit mir richtig werde. Etwas Großes und Kostbares ist also ein Freund. Kann ich ihn mir aber selbst schaffen? Gewiß nicht! Oder ihn mir irgendwo holen? Doch ebensowenig. Ich kann empfänglich und wachsam sein, damit ich es merke, wenn ein Mensch mir nahekommt, der für mich wichtig werden kann –aber er muß kommen. Herkommen aus dem unabsehbaren Raum des menschlichen Lebens. Bei irgendeiner Gelegenheit begegnen wir einander; kommen ins Gespräch, und dann entwickelt sich jenes Fruchtbar-Schöne, das man Freundschaft nennt…

So ist es auch mit der Liebe. Der Mann bedarf der Frau, die ihm Gefährtin, und die Frau des Mannes, der ihr Heimat sein könne, damit sie jene lebendige Welt schaffen, die Familie und Haus heißt –kann aber der Eine sich den Anderen herstellen? Abermals nicht. Er kann ihn suchen; aber Suchen heißt Absichten haben, und wie leicht verdirbt die Absicht alles. Nein, sondern der Andere muß kommen, aus der Weite der Welt, aus der Vielzahl der Menschen, irgendwann einmal auf ihn zu…

Wenn wir uns darauf besinnen, dann ist es mit unserem Beruf, unserer Lebensarbeit, unserer Stellung im Ganzen ähnlich. Manches davon können wir erringen –Anderes aber nicht und nicht Unwichtiges muß sich aus den Fügungen des Lebens ergeben.  Die Möglichkeit muß sich öffnen; ich muß aber sehen: hier, jetzt –und dann zugreifen. Wohl bin dann ich selbst es, der zugreift und leistet, aber die Möglichkeit vorher hat sich mir aufgetan…

Vieles Wichtiges, Entscheidendes ruht auf Fügungen und Begegnungen, die ich nicht selbst habe machen, mit eigener Kraft erzwingen können. Sie sind gekommen, haben sich mir ergeben.

(…)

Das sagt uns der Advent. Jedes Jahr mahnt er uns, das Wunder dieses Kommens zu bedenken. Erinnert uns aber auch daran, daß es seinen Sinn erst erfüllt hat, wenn der Erlöser nicht nur zur Menschheit im Ganzen, sondern auch zu jedem Menschen im Besonderen kommt: in dessen Freude und Nöte, Einsichten, Ratlosigkeiten und Versuchungen, in alles das, was sein nur ihm eigenes Wesen ausmacht. Er soll inne werden: Christus ist mein Erlöser; Jener, der mich bis in mein Eigenstes kennt, mein Schicksal in seine Liebe nimmt, mir den Geist erhellt, das Herz berührt und den Willen zum Rechten wendet.

So ist der Advent die Zeit, die mahnt, dass wir uns fragen, jeder in sein Gewissen hinein: Ist er zu mir gekommen? Weiß ich um ihn? Ist Vertrauen zwischen ihm und mir? Ist er mir Lehrer und Meister? Daraus aber sofort die weitere Frage: Steht in meinem Innern die Türe für Ihn offen? Und der Entschluß: Ich will sie auftun.“

Quelle: Romano Guardini, Nähe des Herrn: Betrachtungen über Advent, Weihnachten, Jahreswende und Epiphanie, Verlagsgemeinschaft topos plus, Kevelaer 2016

Kategorien Leben und Glauben