Neubeginn und Versöhnung zwischen den Völkern

Unmittelbar nach Kriegsende 1945 begann die Wiederherstellung der stark beschädigten Zwölf-Apostel-Kirche und des Pfarrhauses. Beide hatten bei Bombenangriffen schwer gelitten und waren durch den Einsatz der Familie des Kirchdieners Jaeck und der Pfarrfamilie Kurtz gerettet worden. Das Pfarrhaus hatte dreimal lichterloh gebrannt. Kirchturm, Kirchdach und Sakristei waren noch unter direkten Beschuss geraten, Türen und Fenster zerstört, Heizung und Orgel außer Funktion.  

Bottles, Barth und Bach

Zunächst wurde ein Kirchennotdach und ein Schutzdach für das Pfarrhaus errichtet. In die Fensteröffnungen mauerte man leere Gin-Flaschen, die von in der Gemeinde wohnenden Angehörigen der Spirituosenfabrik Gilka gespendet wurden. Diese "Flaschenfenster" sind zum Teil noch erhalten. Durch Berichte englischer und amerikanischer Korrespondenten wurden diese in der ganzen angelsächsischen Welt bekannt. Die Londoner "Picture Post" berichtete von den "Gin-bottle-windows" und dem "Gin-bottle-Pastor".

Foto: Landeskirchliches Archiv EKBO
Landeskirchliches Archiv
Karl Barth im Dezember 1963

1947 stellte Adolf Kurtz den Berliner Philharmonikern die Zwölf-Apostel-Kirche für Schallplatten-Aufnahmen der Londoner Electrola-Gesellschaft ("His master’s voice" ) zur Verfügung. Dirigenten waren Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache und John Bitter, New York.

 Am 18. Juli 1946 hielt Karl Barth in der Zwölf-Apostel-Kirche den Vortrag "Christengemeinde und Bürgergemeinde". Der erste große Gottesdienst, den Martin Niemöller nach seiner Befreiung aus dem KZ in Berlin feierte, fand in Zwölf Apostel statt. Die Zwölf-Apostel-Kirche stellte Bischof Dibelius am 17. November 1946 in einem feierlichen Gottesdienst wieder in Dienst. Hier führte am Karfreitag 1948 Professor Schumann, Leiter der Berliner Singakademie, zum ersten Mal nach Kriegsende wieder die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach auf.  

 

Ökumenisches Zentrum Zwölf Apostel

Schon vor dem Krieg war die Zwölf-Apostel-Gemeinde ein ökumenisches Zentrum geworden. Adolf Kurtz hatte enge Kontakte zu den Pfarrern der schwedischen, dänischen und amerikanischen Gemeinden in Berlin. Während des Krieges war Kurtz die schwierige Aufgabe zugefallen, die Kontakte zur Ökumene aufrecht zu erhalten. Er tat dies über Freunde in der amerikanischen und schwedischen Botschaft. So riss die Verbindung nie ab, und nach Ende des Krieges kamen sie nach Zwölf Apostel: aus England die Bischöfe von Chichester und Sheffield, der Generalsekretär der Methodisten, Laura Livingstone für Wohlfahrtsorganisationen, Mary Booth für die Heilsarmee, der Dekan des St. John’s College in Oxford, aus Frankreich der Präsident des französischen Kirchenbundes, Marc Boegner, aus Dänemark der Bischof von Kopenhagen, aus Schweden Erzbischof Eidem, Upsala, und Pfarrer Birger Forel. Die russisch-orthodoxe Gemeinde feierte zweimal Ostern in Zwölf Apostel, die schwedische Gemeinde wurde hier für drei Jahre bis zur Errichtung ihrer eigenen Notkirche beherbergt, ebenso die ungarisch-reformierte Flüchtlingsgemeinde.

Martin Niemöller (Foto: Landeskirchliches Archiv EKBO)
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 Weggefährte Martin Niemöller (1892–1984)
Ruf nach England

Auch aus Enttäuschung darüber, das Bischof Dibelius beim Wiederaufbau der Kirche in Berlin-Brandenburg einen restaurativen Kurs steuerte, ging Kurtz Ende des Jahres 1948 als Pfarrer der deutschen Gemeinde nach Oxford. Er war an dem Versöhnungswerk von Coventry seit 1950 maßgeblich beteiligt.

Bereits 1947 wurde Kurtz von der Britischen Militärregierung in Berlin eingeladen, die deutschen Kriegsgefangenenlager in Großbritannien zu besuchen. Während dieser
Besuchsreise stieß er auch bei seinen englischen Freunden immer wieder auf den neuralgischen Punkt "Coventry". Die Zerstörung Coventrys hatte im britischen Bewusstsein eine fast unheilbare Wunde hinterlassen, auch wegen der zynischen und brutalen Bemerkung Hitlers in einer großen Rundfunkrede, er werde nun alle englischen Städte "coventrieren". Damals schon war Kurtz entschlossen, etwas zur Heilung dieser Wunde zu tun.

Seelsorge und Zeichen der Versöhnung

Im Herbst 1948 übernahm Kurtz die im Jahre 1939 auf seine Initiative von seinem Berliner Amtsbruder Pastor Kramm gegründete Flüchtlingsgemeinde in Oxford. Kurtz war bereits 1939 in England, um sich um die vielen Emigranten zu bemühen; auf seinen Rat entstand dann in Oxford die deutsche Gemeinde, die in der Universitätskirche St. Mary the Virgin auch während des Krieges ihre Gottesdienste in deutscher Sprache halten konnte.

Im Frühjahr 1949 erhielt Kurtz eine Einladung des Provost (Propst) von Coventry, in der Unity Chapel der zerstörten Kathedrale einen Gottesdienst zu halten. Provost Howard und Domherr Kurtz beteten zunächst vor dem im Hochaltarraum aus zwei von Feuer angefressenen Balken errichteten Kreuz. Am 14. November 1950 nahm Domherr Kurtz an dem Gedächtnisgottesdienst zum 10. Jahrestag der Zerstörung Coventrys in der Ruine der Kathedrale teil. Er überbrachte "die Grüße aller Kinder Gottes des europäischen Kontinents, besonders aus Deutschland und Berlin".

Anlässlich eines Besuchs in Bonn im Mai 1951 besprach Kurtz mit alten Freunden aus dem Kirchenkampf, insbesondere mit Hermann Ehlers – während des Kirchenkampfs juristischer Berater der Berliner Kirchenleitung und von 1950 bis 1954 Präsident des Deutschen Bundestages – die Angelegenheit "Coventry". Mit ihm und Bundespräsident Theodor Heuss, mit dem Kurtz seit der Zeit des Kirchenkampfes ebenfalls eng verbunden war, wurde verabredet, dem Domkapitel von Coventry ein Fenster für die Unity Chapel der neuen Kathedrale zu stiften. Kurtz überbrachte unmittelbar nach seiner Rückkehr Provost Howard das Fensterangebot, aber erst am Jahresende wurde es der Weltöffentlichkeit mitgeteilt. Das internationale Echo, besonders in den angelsächsischen Ländern, war überraschend groß und freundlich.

Theodor Heuss (Foto: Landeskirchliches Archiv EKBO)
Landeskirchliches Archiv EKBO
 Adolf Kurtz war seit dem Kirchenkampf dem späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss (Mitte) freunschaftlich verbunden

Am 31. Januar 1954 fand ein Fest- und Fürbittgottesdienst zum 70. Geburtstag des deutschen Bundespräsidenten in der Kathedrale statt. Kurtz hielt die Festpredigt. An der feierlichen Grundsteinlegung für die neue Kathedrale am 23. März 1955, vollzogen von Königin Elisabeth II., nahmen Kurtz und Vertreter der Spender aus Deutschland teil.

Theodor Heuss überreichte anlässlich seines Staatsbesuchs in England dem Provost von Coventry am 21. Oktober 1958 die Spende für die Fenster der neuen Kathedrale. Am 31. Januar 1959 fand unter dem Leitwort "Einheit in Christus" zur Feier des 75. Geburtstags des Bundespräsidenten ein zweisprachiger Festgottesdienst in der Chapel of the Cross in der neuen Kathedrale statt. Die Predigten hielten der Propst und Domherr Kurtz.

Ehrung

Als der deutsche Botschafter in London, von Herwarth, Adolf Kurtz 1960 im Auftrag des Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse überreichte, geschah dies für die Verdienste im Kirchenkampf, für die "Nichtarierhilfe", für die Aufbauarbeit in England und für das Versöhnungswerk in Coventry. "Sie haben nicht nur geredet, Sie haben auch etwas getan", begann der Botschafter seine Ansprache. "Ihnen ist es zu danken, dass das Versöhnungswerk zwischen der englischen und der deutschen Nation Wirklichkeit wurde" – ein historisches Wort.

Heinz-Hermann Wittrowsky, in "Zwölf Apostel" Nr. 10

« Teil 1: Mutiges Bekennen und Widerstehen in schwerer Zeit

 

Das Gemeindehaus der Evangelischen Zwölf-Apostel-
Kirchengemeinde trägt seit dem 13. Juni 2004 den Namen Adolf-Kurtz-Haus.

Die feierliche Namensgebung fand im Rahmen der Festwoche zum 130-jährigen Kirchweihjubiläum im Anschluss an den Festgottesdienst statt.