Mit Paulus in der Glockenstube

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Einläuten Zwölf-Apostel-Kirche

Zwölf Apostel aufs Dach gestiegen

    
 

Sonntags schwingt in den Kirchtürmen stets ein wenig Fernost mit – Glocken wurden rund tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung zuerst in China gegossen und sind Teil übergreifender Kulturgeschichte. Weitere 2000 Jahre vergingen, bis die christliche Kirche in diesen Klang einschwang: zunächst in Benediktinerklöstern, und ab Mitte des 13. Jahrhunderts mit Großglocken in der noch heute tulpenähnlichen "gotischen" Form.

Glocken zu läuten war stets Besonderheit oder gar Privileg: heute durch die Verfassung garantiert (Selbstverwaltung der Kirchen), im Mittelalter als Privileg der Reichsstädte (Bann-Glocken), in vorchristlichen Religionen etwa für kultische Feiern ausgesondert (Bacchusmysterien) oder zur Abwehr und Austreibung von Dämonen.

"Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle." (1. Kor 13,1) Paulus hatte, als er an die Korinther schrieb, wohl dieses Umfeld im Blick – vermutlich auch der Grund, weshalb Glockenklang in den kirchlichen Gebrauch erst spät Einzug hielt.

Es scheint nur konsequent, dass Glocken, die mittags gegen anstürmende Turkvölker (Papst Calixt III. gebot 1455 die "Türkenglocke") und später bei militärischen Siegen läuten mußten, bisweilen total vereinnahmt wurden: 1917 ließ man auch die Glocken der Zwölf-Apostel-Kirche, "Petrus" und "Johannes", beschlagnahmen und zu Kriegsgerät umschmelzen – nur "Jacobus", die kleinste, durfte weiter zum Gottesdienst rufen.

Der Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation hatte 1852 begonnen, Glocken nicht mehr aus Bronze (78 % Kupfer, 22 % Zinn), sondern aus Stahl zu gießen. Von dort stammen auch die heutigen, 1923 gefertigten und am 2. Februar 1924 feierlich geweihten drei Glocken von Zwölf Apostel, die aufgrund des Materials im Zweiten Weltkrieg dem Schicksal ihrer Vorläuferinnen entgingen.

"… als die Sterbenden, und siehe wir leben …" Neben dem eingegossenen Verweis auf 2. Kor 6, 9–10 trägt die mittlere Glocke den Namen des 1922 verstorbenen Dr. theol. Werner Dross, 36 Jahre lang Pfarrer in Zwölf Apostel. So wird zugleich die Hauptfunktion des Geläuts deutlich: Signal zu sein für Handlungen der Kirche und Verkündigung derer, "… die nichts haben, und doch alles haben."

Viel wäre noch zu berichten: über die Kunst, die das Zwölf-Apostel-Geläut mit seinen insgesamt fast 2,3 Tonnen Eigengewicht erst zum Schwingen und vor allem zum reinen Klingen bringt, über die Bedeutung von Summ- und Hintergrundtönen oder den beim Läuten entstehenden Doppler-Effekt (den kennen Sie noch aus dem Physikunterricht bzw. von der Klangverschiebung beim Martinshorn eines vorbeifahrenden Wagens).

Zwölf Apostels Glocken werden bald 80. Harmonisch auf E, G und B gestimmt, setzen sie mitten im Großstadtlärm Zeichen: einigen zum Ärgernis, anderen als kulturelles "Denk mal!", uns Christen als Ruf und – dann doch im Sinne des Paulus – als Zeugnis von Gemeinde.

Stefan M. Schult de Morais, in "Zwölf Apostel" Nr. 3